95 Prozent Unbekanntes und Uhren im All – Prof. Michael Kramer macht Einsteins Universum sichtbar

95 Prozent des Universums bestehen aus Dunkler Materie und Dunkler Energie – und niemand weiß, was das eigentlich ist. Am 5. August 2026 nahm uns Prof. Michael Kramer vom Bonner Max-Planck-Institut für Radioastronomie mit auf eine Reise vom Urknall bis heute.

← Alle Meldungen
Radio-Observatorium Effelsberg im Luftbild
© Norbert Tacken / MPIfR

Am 5. August 2026 begrüßte der Lions Club Bonn-Rheinaue Prof. Dr. Michael Kramer, Direktor am Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR) und Leiter der Abteilung „Grundlagenphysik in der Radioastronomie“. Sein Vortrag „Einsteins Universum sichtbar machen und verstehen: ungeklärte Fragen vom Urknall bis heute“ führte uns durch 13,8 Milliarden Jahre kosmischer Geschichte – und machte deutlich, dass Spitzenforschung von Weltrang direkt vor unserer Haustür stattfindet: Das Institut mit seinen rund 320 Mitarbeitenden hat seinen Sitz in Bonn, und im Eifelort Effelsberg betreibt es das 100-Meter-Radioteleskop, bis heute das größte vollbewegliche Radioteleskop Europas.

Wir verstehen 95 Prozent des Universums nicht

Nur rund fünf Prozent des Universums bestehen aus der Materie, die wir kennen – aus Atomen, aus Sternen, aus uns selbst. Der Rest verteilt sich auf Dunkle Materie und Dunkle Energie, deren Natur bis heute ein Rätsel ist. Genau hier setzt die Radioastronomie an: Radiowellen zeigen einen Himmel, der dem bloßen Auge verborgen bleibt. Sie durchdringen kosmischen Staub, machen die Magnetfelder ferner Galaxien sichtbar und tragen das älteste Licht des Universums zu uns – die kosmische Hintergrundstrahlung, entstanden nur 380.000 Jahre nach dem Urknall. Wie ergiebig dieses Fenster ins All ist, zeigen fünf Physik-Nobelpreise, die bislang an Radioastronomen vergeben wurden.

Foto während des Vortrages von Prof. Kramer in der Bonner Rheinaue

Pulsare: kosmische Uhren als Einsteins härtester Test

Zum Herzstück des Abends wurde Prof. Kramers eigenes Spezialgebiet: die Pulsare. Diese kollabierten Reste explodierter Sterne haben nur rund 24 Kilometer Durchmesser und senden wie kosmische Leuchttürme regelmäßige Radiopulse aus. Wie schnell sie rotieren, ist dabei höchst unterschiedlich: Der langsamste bekannte Pulsar braucht für eine Umdrehung fast 76 Sekunden, der schnellste rotiert knapp 43.000-mal pro Minute – zum Vergleich: Eine Waschmaschine kommt im Schleudergang auf etwa 1.600 Umdrehungen. Die stabilsten dieser kosmischen Uhren ticken so gleichmäßig, dass sie es mit den besten Atomuhren der Welt aufnehmen können.

Diese Präzision macht Pulsare zum idealen Prüfstein für Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie. Das eindrucksvollste Beispiel: Die Umlaufbahn eines Doppelpulsars schrumpft durch die Abstrahlung von Gravitationswellen um exakt 7,149 Millimeter pro Tag – gemessen auf ein Tausendstel Millimeter genau, und genau so, wie Einstein es vor mehr als einem Jahrhundert vorhergesagt hat.

Ein Gravitationswellendetektor so groß wie die Milchstraße

Die Forschung denkt inzwischen noch größer: Aus vielen über die Milchstraße verteilten Pulsaren, deren „Ticken“ die größten Radioteleskope der Welt über Jahrzehnte verfolgen, entsteht ein Gravitationswellendetektor von der Größe unserer Galaxie. 2023 gelang damit der Nachweis winzigster Raumzeit-Änderungen – etwa 30 Meter auf ein Lichtjahr –, vermutlich verursacht von Paaren supermassereicher Schwarzer Löcher im fernen Universum. Und auch an den ersten Bildern Schwarzer Löcher überhaupt – in der Galaxie M87 im Jahr 2019 und von Sagittarius A* im Zentrum unserer Milchstraße 2022 – war das Bonner Institut maßgeblich beteiligt.

Ein Appell zum Schluss

Nachdenklich stimmte uns das Ende des Vortrags: Die wachsende Zahl an Satellitenkonstellationen bedroht die Radioastronomie ebenso wie den freien Blick auf den Nachthimmel. „Der Sternenhimmel wird verschwinden, wenn wir nichts tun“, warnte Prof. Kramer – ein Thema, das weit über die Wissenschaft hinausreicht.

Wir danken Prof. Kramer herzlich für einen Abend, der uns die größten Fragen des Universums ein Stück näher gebracht hat. Wer das 100-Meter-Teleskop einmal selbst erleben möchte: Der Besucherpavillon in Effelsberg bietet Vorträge, Führungen und Astronomie-Wanderwege rund um eines der beeindruckendsten Forschungsinstrumente Europas.